Gedenkstättenfahr zur NS-Ordensburg Vogelsang

Nach coronabedingter Pause haben IG Metall-Senior*innen und die IG Metall Jugend die Tradition der Gedenkstättenfahrten in diesem Herbst endlich wieder fortgeführt.

Die für 2020 geplante Gedenkstättenfahrt der Geschäftsstellen Bielefeld und Paderborn fand mit 33 Teilnehmenden vom 30. September bis zum 1. Oktober 2022 statt und wurde von der Respekt!-Initiative unterstützt.

Das Ziel war allerdings ein besonderes, wurden in der Vergangenheit doch immer Orte der Oper besucht. Aber nun eine NS-Ordensburg?

Die NS-Ordensburg Vogelsang ist eine Gedenkstätte, ein Erinnerungsort, der nicht von den Opfern der faschistischen Diktatur, sondern von seinen Aktivisten, Mitläufern und Tätern und von ihrer Ausbildung erzählt. Mit 100 Hektar Fläche ist es eins der größten Bauvorhaben, vergleichbar mit dem Parteitagsgelände in Nürnberg und dem Ferienort Prora an der Ostsee.

Die Gruppe aus Senior*innen, Jugend und Vertrauensleuten nutzte die Fahrt, um sich umfassend zur Geschichte, aber eben auch zur aktuellen Situation auszutauschen. Am Ende ist die Gedenkstättenarbeit immer erst dann wirkungsvoll und gut, wenn der Bezug zum Hier und Jetzt vorhanden ist. Das ist im Rahmen der vielen Reflexionsrunden und des Austausches wieder sehr deutlich geworden. Gerade die verschiedenen Perspektiven aus unterschiedlichen Generationen verliehen dieser Fahrt wieder einmal ihre Besonderheit.

Hier der Bericht einer älteren Teilnehmerin aus dem Seniorenarbeitskreis, der deutlich zeigt, wie intensiv und inhaltlich die Zeit war:

„Wir sind wie immer neugierig. Immerhin ist das Wetter gut und die Stimmung auch, als wir über Autobahn und Landstraßen die Eifel und den Ort Gemünd erreichen. Ein Fluss, die Urft, führt noch Hochwasser, die Folgen davon sind noch zu sehen. Die Fluten haben es nicht in die abendlichen Leitmedien geschafft, obwohl Gemünd ein Kurbad ist. Auch die Jugendherberge, unser Übernachtungsort, ist dem Wasser knapp entronnen.

Und dann haben wir das Gelände der NS-Ordensburg Vogelsang erreicht. Schranken auf dem Plateau wehren das ungehinderte Durchfahren. Ein wüster, unbebauter Platz wird später als geplanter Flugplatz erklärt. Ein massiver verputzter und gestrichener Bau mit dem Schriftzug „VAN DOOREN“ fällt auf. Das halbfertige, durch Bomben zerstörte Gebäude wahr ehemals als „Haus des Wissens“ geplant. Ab 1950 ist es belgische Kaserne, sorgfältig aufgebaut.

Wir steigen aus. Durch den Eingangs- und Wohnbereich, der die Zeit überdauert hat, kommen wir auf den „Adlerhof“. Heute ist das das Besucherzentrum mit den entsprechenden Gebäuden und Ausstellungen. Von dem weiten Platz blicken wir hinunter auf den Urft-Stausee. Unter uns, durch Wege und Treppen verbunden, stehen die Reste der zehn Kameradschaftshäuser der Ordensjunker mit Aufenthalts- und Studienräumen und die Hundertschaftshäuser, in denen sie wohnten. Geplant war das für 1.000 Ordensjunker.

Der Adlerhof ist ein Appellplatz mit „Burgschänke“, einem Speisesaal mit Kaminhalle und Galerie und dem Turm mit Ehrenhalle. Beides ist weitgehend erhalten, während anderes von Bomben zerstört wurde. Kultische Bedeutung hat der Sonnenwendplatz mit Fackelträger und Feuerschale. Sportplatz, Schwimmband, Laufbahn und Turnhalle mit Schießstand dienen der Wehrertüchtigung.

Putzfrauen und Köchinnen wohnten in einem Haus für weibliche Angestellte. Eine Freilichtbühne war Thingstätte.

Die Dauerausstellung der NS-Dokumentation Vogelsang lenkt den Blick auf die jungen Männer, die auserwählt wurden, sich in den Ordensburgen in Kursen zur zukünftigen NS-Führungselite ausbilden zu lassen. Schulbildung und Wissen waren keine Bedingung dafür, stattdessen lernten sie Hingabe, Befehl und Gehorsam sowie „Rassenkunde“, um ihren Antisemitismus zu rechtfertigen.

Von den NS-Ordensburgen zogen sie als Soldaten in den zweiten Weltkrieg. In Polen, den baltischen Staaten, in Belarus, in Russland und der Ukraine waren sie an den faschistischen Verbrechen gegen die Bevölkerung beteiligt und waren oftmals die Befehlsgeber.

Eine Sonderausstellung veranschaulicht anhand von 50 Medientafeln und Vitrinen mit Originalfotos und -dokumenten die Umstände, Zusammenhänge und Auswüchse der Zwangsarbeit in der Region Euskirchen. Zugleich wird die Rolle der in Vogelsang ausgebildeten Ordensjunker bei diesem beispiellosen Verbrechen des NS-Regimes in den Gebietskommissariaten hinter der Ostfront nach dem Überfall auf die Sowjetunion beleuchtet.

Deutlich wird: Infolge mangelhafter Ernährung, Versorgung und Unterbringung bei ausbeuterischen Arbeitseinsätzen kamen rund 13 Millionen zwangsverschleppte Menschen ums Leben.

Es ist gut, diesen Ort besucht zu haben. Nicht alles ist hier darzustellen. Nicht das Gemeinschaftserleben, die Eheschließungen, die entstandenen Netzwerke, die Nostalgietreffen als soziale Hilfestelle für die „Kameraden“ nach dem Krieg. In den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs konnten sie sich im mittleren Wohlstand etablieren und besuchten als Eifelverein mit ihren Ehefrauen das belgische „Camp Vogelsang“, ihren Lernort aus der „großen Zeit“.

Für die wirtschaftlich schwach aufgestellte Eifel war die NS-Ordensburg Vogelsang der Wirtschaftsfaktor für die Dörfer, auch, weil sie ständig als Vorzeigeort zur Bühne für Partei- und Staatsgäste aus dem Ausland diente. Sie war ein politisches Bauwerk, dessen Herrschaftsarchitektur der Selbstdarstellung des Faschismus entsprach und dem Herrschaftsanspruch über Mensch und Natur.

Erobert wurde Vogelsang von den Amerikanern, 1964 wurde es an die britische Rheinarmee übergeben und 1950 gab diese das „Camp Vogelsang“ an die belgische Armee. Dieser Teil der Eifel blieb bis 2006 militärisches Sperrgebiet. Der kleine Ort Wollseifen mit seinen 550 Einwohnern musste 1946 innerhalb von drei Wochen mit allen Lebenden und Toten geräumt werden. Es blieb gerade noch Zeit, die Getreideernte einzubringen. Dann wurde der Ort bei den militärischen Übungen bis auf die Kirche und Teile der Schule vollständig zerstört. Heute wird der Ort „Wüstung Wollseifen“ genannt, weil auch die nachgebauten Übungsziele noch zu sehen sind.

Mit großem Aufwand wird der Besuch des Nationalparks Eifel beworben. Rundwanderwege und Ausfahrten mit der Kutsche sind hier möglich.

Wer mehr erfahren möchte, bucht eine Führung der NS-Ordensburg Vogelsang oder sieht eine der Ausstellungen.

Wir sind eine Generation, die nicht fragen konnte, weil niemand reden wollte. Das haben wir nachzuholen. Es nicht zu wissen, darf keine Ausrede mehr sein. Die nächste Generation findet keine Zeitzeugen mehr vor, ist also auf den Besuch der Gedenkstätten und Erinnerungsorte angewiesen, um sich Gedanken zu machen und Schlussfolgerungen zu ziehen. Diese Orte müssen gut ausgestattet, geführt und historisch korrekt sein, nicht verklären, damit Menschenverachtung, Rassismus und Faschismus nie wieder eine Chance haben, Menschen zu verführen.“

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