Wie alles begann

Rassistische Pöbeleien nehmen überhand

Der »Fall« Ogungbure – ein trauriges Stück deutscher Fußballgeschichte

2006 startete die Aktion »Wir sind Ade!«. 2007 entstand daraus die Initiative »Bunte Kurve«. 

Nachdem Adebowale Ogungbure vom Oberligisten FC Sachsen Leipzig während der gesamten Saison 2005/06 rassistischen Pöbeleien ausgesetzt war, ließen sich seine Mitspieler unter dem Motto »Wir sind Ade!« schwarz anmalen und fotografieren, um ihre Solidarität mit dem Kollegen zu bekunden. Gewirkt hat das längst nicht bei allen. Während der Partie von Sachsen Leipzig beim Halleschen FC am 25. März 2006 stürmten Leute aus dem Fanblock von Halle auf das Spielfeld und bespuckten und beschimpften Ogungbure als »Drecksnigger«, »Affen« und »Bimbo«. Das ganze Spiel über kamen Affenlaute von der Tribüne. Aus Protest zeigte Ogungbure daraufhin den Hitlergruß und formte zwei Finger zum Hitlerbärtchen. Er wurde danach vom Hallenser Pöbel geschlagen und getreten. Schier unglaublich war, dass nicht die Hallenser, sondern der Nigerianer am darauffolgenden Tag eine Anzeige wegen des Zeigens verfassungswidriger Symbole erhielt. Die eigentlichen Täter blieben zunächst unbehelligt, obwohl sie nachweislich rassistische Parolen gerufen hatten und handgreiflich geworden waren. Wegen der öffentlichen Proteste stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren am nächsten Tag ein.

Im Oktober 2006 kam es bei der Partie in Leipzig gegen Halle erneut zu rassistischen Schmährufen des Halleschen Anhangs gegen Ogungbure. Der Verein wurde daraufhin vom Verband zu einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt.

Anfang November 2006, am Rande des Oberligaspiels beim VFC Plauen, rastete Ogungbure aus. Nach dem Schlusspfiff versetzte der Mann aus Lagos seinem ukrainischen Gegenspieler Andriy Zapyshnyi einen Fausthieb ins Gesicht. Zapyshnyi soll ihn ­»Nigger« genannt haben. Ogungbure wurde für vier Spiele gesperrt.

 

Eine Idee wird geboren

2006 veröffentlichte das Frankfurter Fußball-Magazin ZICO folgenden Artikel über den ehemaligen Profi-Fußballer von Eintracht Frankfurt Jermaine Jones

Nachdem Kris-Patrick und Lothar Rudolf das Interview für ZICO fertig gelayoutet hatten, kam beiden die Idee, aus einem »Rasenplatz betreten verboten!« Schild ein »Kein Platz für Rassismus!« Schild zu machen. In Photoshop. Die Idee war geboren.

Als Kämpfer auf dem Fußballplatz ist Jermaine Jones bekannt. Noch kennenlernen wird man den waschechten Frankfurter »Bub« und Eintracht-Kapitän ab sofort auch als Kämpfer gegen Rassismus.

Jones ist in einer nicht eben als vornehm geltenden Ecke von Frankfurt groß geworden, als Sohn einer Deutschen und eines farbigen US-Soldaten. Negative Erfahrungen mit Rassismus hat er zuhause nie gemacht. »Ich bin ja in Bonames mit vielen Kulturen zusammen aufgewachsen und bin nie blöd angemacht worden«, sagt er. Umso mehr bewegt ihn der »Fall« des Nigerianers Adebowale Ogungbure. Die Geschichte des 25-jährigen vom Oberligisten FC Sachsen Leipzig ist ein ganz finsteres Kapitel deutschen Fußballalltages.

Gehört hat er von dem »Fall« Ogungbure zum ersten Mal, als dieser mit dem Zeigen des Hitlergrußes auf rassistische Beleidigungen durch gegnerische Zuschauer reagierte. Das war Ende März 2006. Im November wurde Jones dann von seinem Jugendfreund Daniel Gunkel, der inzwischen Bundesliga-Profi bei Energie Cottbus ist, auf Ogungbure angesprochen. Gunkel war in Cottbus einst Mannschaftskamerad des 25-jährigen und bat nun um Unterstützung. Klarer Fall, dass Jermaine dabei ist: »Es gehört sich einfach nicht, wenn einer attackiert und provoziert wird, nur wegen seiner Hautfarbe. Und dass der dann auch mal irgendwann ausflippt und sich wehrt, ist doch verständlich.«


»Ich werde mich mit Daniel und Adebowale in der Winterpause zusammensetzen und überlegen, was wir noch alles machen können«, verspricht Jermaine Jones. Zu oft sei es in letzter Zeit zu ähnlichen Vorfällen gekommen, um jetzt noch zu schweigen. Das Pokalspiel Hansa Rostock II gegen Schalke 04, als Nationalspieler Gerald Asamoah mit Affenlauten provoziert wurde, und die Bundesliga-Partie zwischen Alemannia Aachen und Borussia Mönchengladbach, als Gladbachs Brasilianer Kahe und ­Aachens Moses Sichone aus Sambia rassistisch beleidigt wurden, habe sich so gar nicht mit seinen bisherigen Erfahrungen gedeckt: »In der Bundesliga hatte ich davon noch nichts mitbekommen. Ich dachte, das passiert wohl eher in den unteren Ligen oder im Ausland, wie zum Beispiel bei Eto in Spanien.«

Aktionen sind also angesagt, findet Jones. Leipziger Fans haben die Internetseite www.wir-sind-ade.de angelegt, auf der schon mehr als 2000 Leute Gesicht gezeigt und Farbe gegen Rassismus bekannt haben, indem sie ihr Foto und eine Widmung platziert haben. Das gefällt Jones, genau wie die neue ZICO-Aktion »Kein Platz für Rassismus«. »Das ist eine gute Sache und ich werde sie mit meinen Freunden unterstützen«, verspricht der Eintracht-Kapitän: »Auch wenn ich persönlich wenig oder keine schlechten Erfahrungen mit Rassismus gemacht habe. Niemand darf wegen seines Glaubens oder seiner Rasse diskriminiert werden.«

Text: Roland Stipp | ZICO Nr. 7 | 12/2006


Die Schilderaktion: Frankfurt bekennt Farbe

Auf fast allen Sportplätzen in Frankfurt hängt das Schild »Kein Platz für Rassismus!«

Das 1. Schild wurde im November 2007 von Ioannis Amanatidis, Eintracht Frankfurt, und dem Geschäftsführer der Commerzbank-Arena, Patrik Meyer, angebracht. Mit-Initiator Kris-Patrick Rudolf war ebenfalls anwesend.

Im November 2006 haben wir uns mit Jermaine Jones getroffen und sind dabei auf die Idee für die Aktion »Kein Platz für Rassismus!« gekommen. Der damalige Kapitän des Bundesligateams von Eintracht Frankfurt hatte sich in diesen Tagen vorgenommen, seinen Jugendfreund Daniel Gunkel zu unterstützen, der damals in Cottbus spielte und wiederum etwas für seinen ehemaligen Mitspieler Adebowale Ogungbure tun wollte. Der spielte damals beim Oberligisten Sachsen Leipzig und wurde bekannt, als er auf wiederholte rassistische Schmähungen durch Zuschauer mit dem Zeigen des Hitlergrußes reagierte. Später wurde er sogar bespuckt und geschlagen. Der Nigerianer wurde kurioserweise wegen des Zeigens verfassungsfeindlicher Gesten sogar angezeigt. Für Jermaine Jones gab es mittlerweile zu viele fremdenfeindliche Zwischenfälle, »als dass man jetzt noch schweigen kann.« Er versprach, unsere Aktion zusammen mit seinen Freunden zu unterstützen.

Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus haben im Fußball nichts zu suchen. Darüber waren sich das Frankfurter Fußball-Magazin ZICO, die Frankfurter Rundschau und die Frankfurter Sparkasse schnell einig und stellten für jeden Frankfurter Fußballplatz ein Schild mit der Aufschrift »Kein Platz für Rassismus!« zur Verfügung, das mit den Verantwortlichen der dort spielenden Vereine angebracht wurde.

Das Aufhängen der Schilder wurde von ZICO dokumentiert, die Fotos mit den Vereinsvertretern wurden jeweils im Heft sowie auf der Internetseite veröffentlicht. Fast alle Frankfurter Fußballplätze haben wir erreicht – nur drei Vereine konnten sich bis heute nicht dazu durchringen, ein Schild anzubringen. Außerhalb Frankfurts haben der SV Wehen-Wiesbaden, KSV Klein-Karben, FV Bad Vilbel, SC Dortelweil, SSV Heilsberg, SSG Langen und Roter Stern Hofheim ein Zeichen gesetzt und das Schild an ihrem Sportplatz angebracht. Heute beschränkt der Verein seine Aktivitäten auf eher regionale Aktionen.


Aus einem Verbot wird eine Botschaft

Ein zusätzliches Wort macht aus einem Verbotsschild eine Aufforderung

Das Volkswagen-Werk in Salzgitter brachte Anfang Juli »Respekt!« ganz groß raus: Ein imposantes Plakat wurde an der Hallenaußenwand angebracht und auf der Betriebs­versammlung zusammen mit der VW-Belegschaft eingeweiht.

Wir haben die Idee 2009 weiterentwickelt und eine neue, bundesweite Aktion ins Leben gerufen: »Respekt! Kein Platz für Rassismus«. »Respekt!« geht über die reine Kernbotschaft »Kein Platz für Rassismus« hinaus – denn »Respekt!« fordert jeden Einzelnen direkt zum Denken und Handeln auf. Diese Botschaft möchten wir in ganz Deutschland verbreiten.

Die Aktion »Respekt!« wurde von einer Gruppe von Menschen ins Leben gerufen, die alle eins gemeinsam haben: Sie sind der festen Überzeugung, dass Vorurteile und Benachteiligung auf dem Fußballplatz nichts zu suchen haben. Und auch an keinem anderen Ort der Welt!

Die Aktion hat eigene Leitlinien und wird über verschiedene Kanäle verbreitet. Augenfällig ist ein Metallschild, das mit einfachen Worten zum Denken und Handeln aufruft. Ziel ist es, die Schilder »Respekt! Kein Platz für Rassismus« an möglichst vielen Wänden in Betrieben, Schulen und Sportvereinen anzubringen.

Respekt – nur ein Wort?
Respekt ist die Grundlage unserer Zivilgesellschaft, von allen gefordert – aber längst nicht jedem gezollt. Wer von anderen Menschen Anerkennung und Akzeptanz erwartet, muss selbst Verantwortung übernehmen und klar Position beziehen: gegen Benachteiligung Einzelner, gegen Diskriminierung gesellschaftlicher Gruppen, gegen Ausgrenzung und gegen Fremdenfeindlichkeit. Respekt signalisiert Wertschätzung und Achtung gegenüber anderen Personen und schließt damit von vornherein ausgrenzendes Verhalten aus. Für den Begriff Respekt gibt es zwar eine Wörterbuch-Definition, aber er hat für jeden Menschen auch eine individuelle Bedeutung, die sich aus seiner ganz privaten Lebensgeschichte entwickelt hat.

Sag »Ja« zu Respekt!
Respekt meint nicht Ehrfurcht oder gar Angst, meint keine Machtspiele zwischen Menschen, die Herkunft, Bildung und Lebensumstände trennt. Wir möchten Respekt als etwas verstanden wissen, das uns allen das Zusammenleben erleichtert und die gegenseitige Achtung stärkt – ohne dabei totalitär zu sein oder neue gesellschaftliche Trennlinien zu schaffen.

Gefragt ist in diesen Zeiten ehrliches Engagement, das besonders Jugendlichen vermittelt, wie wichtig das Eintreten für gegenseitigen Respekt und gegenseitige Achtsamkeit ist. Gleichzeitig ist eine Diskussion innerhalb der Gesellschaft nötig. Eine Diskussion darüber, wie wir miteinander leben wollen und wie wir uns die Gesellschaft der Zukunft vorstellen.





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»Respekt! Kein Platz für Rassismus GmbH« ist eine gemeinnützige Initiative mit Sitz in Frankfurt am Main, die sich gegen Vorurteile und Benachteiligungen einsetzt.

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